Nasenflug



Dieser Beitrag wurde von mir für die Fachzeitschrift ROTOR verfaßt und ist in der Ausgabe 12/96 erschienen. Selbstverständlich kann ich nicht garantieren, daß die nachfolgend beschriebene Methode bei Ihnen in gleich kurzer Zeit zum Erfolg führt, aber ich kann Ihnen einen der Wege dorthin zeigen. Ich glaube, daß mit dieser Lernmethode die Beherrschung des Nasenschwebens mit drei bis vier Litern Sprit erreicht werden kann.

Nasenschweben ist die Fähigkeit vertikal aufzusteigen, in einer festen Höhe zu schweben, vertikal zu sinken und zu landen; die Nase des Hubschraubers zeigt dabei ständig in Richtung des steuernden Piloten. Um dies zu erlernen braucht man meiner Erfahrung nach im Durchschnitt (in verflogenem Treibstoff gerechnet) von etwa einem bis zehn Liter. Der eine lernt schneller, der andere benötigt etwas mehr Zeit; deshalb lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn Sie sich mit dem Nasenschweben schwer tun.

Es dauert sicher nicht ein Jahr, um das Nasenschweben zu erlernen. Denn, wenn Sie zu Anfang täglich üben, haben Sie eine solide Basis, auf der Sie weiter trainieren können. Suchen Sie sich also für das Training einen Zeitpunkt heraus, der es Ihnen ermöglicht, am ersten Tag drei bis vier Tankfüllungen zu verbrauchen und in den nächsten zwei Wochen mindestens zwei Tanks täglich.

Ob Sie nun den Vorwärtsflug beherrschen oder nicht, ist zum Erlernen des Nasenfluges unerheblich. Vom Boden aus die Übungen zu beginnen scheint mir eine vernünftige Methode. Ich habe schon Piloten gehört, die der Meinung waren, es sei leichter auf sich zuzufliegen und den Heli dann zu stoppen. Dagegen sprechen mehrere Punkte:

Wenn der gleiche Fehler 15 Zentimeter über dem Boden passiert, nehmen Sie Pitch raus, setzen das Modell zurück auf den Boden und heben sofort wieder ab, um weiter zu üben. Ihre verlorene Zeit ist nahezu Null. Ebenso vermeiden Sie die paar Sekunden Panik und Sie vergessen nicht was gerade passiert ist.

Einstellungen
Bevor Sie den Motor anwerfen, sollten Sie den Heli für die erste Lernphase einstellen. Diese Einstellung wird nur für das Nasenschweben verwendet. Sie sollten keinen Vorwärtsflug machen, bevor Sie die anfänglichen Einstellungen zurück genommen haben.

Ziel der Phase eins ist die Gewöhnung, daß der Hubschrauber mit der Nase zu Ihnen zeigt. Aus diesem Grund müssen Sie alle Steuerfunktionen entschärfen. Diese Einstellungen gilt für Modelle mit 10ccm-Motoren. Bei anderen Modellen sollte das Negativpitch 2° unter dem Schwebepitch und Positivpitch 1° bis 2° über dem Schwebepitch liegen. Stimmen Sie die Gaskurve darauf ab, d.h. die Gesamtdrehzahl wird reduziert und die Vollgasstellung auf 80% beschränkt. Sollten Sie keine Computer-Fernsteuerung haben, drehen Sie die Düsennadel etwas auf, damit erreichen Sie den selben Effekt. Dies spart eine Menge Zeit, anstatt eine mechanische Neujustierung des Gasgestänges vorzunehmen. Aktivieren Sie die Dual Rate-Funktion für alle anderen Steuerfunktionen und reduzieren Sie die Knüppelausschläge.

Allen anfänglichen Flüge sollten bei nahezu windstillen Bedingungen erfolgen. Bevor Sie abheben, wird das Modell im Normalflug (Nase zeigt nach vorn) so getrimmt, daß der Helikopter auch schwebt, wenn Sie die Finger von den Steuerknüppeln lassen. Übergehen Sie diesen Schritt nicht, denn viele Piloten steuern beim Schweben unbewußt kleine Korrekturen. Für diese Trimmarbeit wählen Sie am besten ebenfalls einen windstillen Tag.

Ich habe am Anfang meiner Schwebeflugübungen mit einem Trainingsgestell (Hula-Hoop-Reifen) trainiert. Da ich aber das Gefühl hatte, die Flugeigenschaften des Hubschraubers hätten sich geändert, habe ich meine Übungen nach den ersten Versuchen ohne Trainingsgestell fortgesetzt. Mit oder ohne, diese Entscheidung bleibt Ihnen selbst überlassen.

1. Lernphase
Pitch
Starten Sie nun das Modell und stellen Sie den Heli (eventuell mit Trainingsgestell) vor sich auf. Der Hubschrauber steht nun mit der Nase zu Ihnen. Geben Sie etwas Gas, bis das Modell auf den Kufen "leicht" wird. Noch nicht abheben!! Um abzuheben benötigen Sie etwas Rechtsauschlag auf Roll (bei einem rechtsdrehenden Heli). Dies machen Sie ganz instinktiv, wenn Sie beim normalen Schweben abheben. Halten Sie also etwas Rechtsroll und erhöhen ganz vorsichtig Pitch, bis Ihr Hubschrauber abhebt. Bei einem linksdrehenden Modell geben Sie etwas Linksroll. Heben Sie den Hubschrauber bis auf 15 Zentimeter an und beobachten jede Bewegung. Bis Sie beim Nasenschweben sicher werden sollten die 15 Zentimeter die Obergrenze sein. Schwebt Ihr Heli jetzt ohne Korrekturen, lassen Sie ihn ein, zwei Sekunden schweben und setzen ihn dann langsam wieder auf dem Boden ab.

Wenn der Helikopter die Position nicht hält, keine Steuerkorrekturen geben, sondern sofort Pitch vorsichtig herausnehmen und das Modell absetzen. Nehmen Sie sich eine Minute Zeit und überlegen, welche Steuerimpulse benötigt werden, um den Hubschrauber an einem Punkt zu halten; trimmen Sie ihn entsprechend. Nun erhöhen Sie wieder Pitch und wiederholen den Vorgang, bis der Heli für einige Sekunden ohne Steuerkorrekturen auf der Stelle schwebt.

Wenn Sie schließlich die 15 Zentimeter Schwebehöhe erreicht haben- ohne zusätzliche Steuerbewegungen - werden Sie beim linksdrehenden System eine Neigung des Hubschraubers nach links feststellen. Da Sie bis jetzt Ihren Heli immer von hinten mit seiner "natürlichen" Neigung nach rechts (beim Linksdreher) gesehen haben, scheint nun beim Nasenschweben die Neigung zur (perspektivisch) anderen Seite stärker zu sein. Ich sollte darauf hinweisen, daß diese Rechtsneigung (von hinten gesehen) für rechtsdrehende Helikopter gilt. Linksdrehende Helikopter neigen sich in die andere Richtung, nach links.

2. Lernphase
Heck
In diesem Lernstadium nehmen Sie de Heckfunktion dazu. Sie schauen auf das Heck und kontrollieren es - wie beim normalen Schweben die Nase. Sie werden merken, das funktioniert gut. Sie steuern rechts und das Heck dreht nach rechts. Steuern Sie nach links dreht das Heck nach links. Einfach, nicht wahr? Das Heck sollten Sie aber momentan nur steuern, um es an seiner Position zu halten.

Bevor Sie anfangen mit dem Heck Drehungen durchzuführen, konzentrieren Sie sich besser auf die Rollfunktion. Die hat jetzt höchste Priorität.

3. Lernphase
Roll
Wenn Sie mit der Rollfunktion weitermachen, erzeugt dies meiner Meinung nach weniger Panik als Nickbewegungen. Rollbewegungen sind auf leichter zu sehen als Nickbewegungen. Bei Rechtsauschlag auf Roll bewegt sich der Heli beim Nasenschweben nach links und umgekehrt. Bei Nick nach vorne bewegt sich der Heli auf den Piloten zu, und bei Nick nach hinten bewegt er sich zwar weg, kann sich aber leicht mit dem Hecksporn im Gras verhaken.

Starten Sie den Heli, bringen ihn auf eine Höhe von 15 Zentimeter und steuern nun Roll, um ihn auf Position zu halten. Versuchen Sie möglichst keine Heckimpulse zu geben und konzentrieren Sie sich auf Rechts- und Linksroll. Wenn nötig, können Sie kleine Heckimpulse geben, um die Maschine gerade zu halten.

Ich sollte es nochmals wiederholen: keine großen Heckausschläge. Wenn das Heck soweit wegdriftet, daß Sie Gefahr laufen die Kontrolle zu verlieren, setzen Sie das Modell zurück auf den Boden und stellen sich wieder vor den Helikopter. Machen Sie weiter mit Links- und Rechtsimpulsen, bis Sie den Helikopter in 80 - 90 % der Fälle in die richtige Richtung bewegen. Überfordern Sie sich nicht. Wichtig ist, daß Sie Ihre instinktiven Steuerbefehle aus den normalen Schwebeübungen eliminieren und den Steuerknüppel sofort in die andere Richtung bewegen, wenn Sie das falsche Kommando gegeben haben.

Als kleine Gedächtnisstütze: Steuern Sie in die Richtung, in die sich de Hubschrauber bewegt. Driftet der Heli nach rechts, geben Sie Rechtsroll.

4. Lernphase
Nick
Jetzt können Sie auch beginnen, Vorwärts- und Rückwärtsimpulse zu geben. Es sei nochmals erwähnt: Verwenden Sie die gleichen Lerntechniken, wie bei Links- und Rechtsroll. Bitte achten Sie darauf: Wenn der Heli auf Sie zukommt - ziehen, wenn er sich wegbewegt - drücken. Seien Sie vorsichtig und vergessen Sie nie das Modell zurück auf den Boden zu setzen, bevor es außer Kontrolle gerät. Außer Kontrolle bedeutet jede Lage, in der sich der Heli mehr als 20° neigt oder sich aus einem gedachten Kreis von 1,5 Meter bewegt hat.

5. Lernphase
Alle Funktionen
Nun ist es an der Zeit, mit voll kontrolliertem Nasenschweben zu beginnen, indem das Heck mit einbezogen wird. Denken Sie daran: Es macht die ganze Sache leichter, wenn Sie das Heck beobachten und steuern.

Eine Technik, die Sie vermutlich auch beim normalen Schweben verwendet haben, ist jetzt ganz hilfreich. Geben Sie die Steuersignale nacheinander, z.B. steuern Sie zuerst Heck, dann Roll und schließlich Nick. Versuchen Sie nicht zwei Kommandos gleichzeitig zu geben, damit Sie sich auf jede Korrektur einzeln konzentrieren können. Natürlich benötigt das etwas Zeit - dies ist auch der Grund, warum Sie alle Steuerausschläge reduziert haben. Selbstverständlich können Sie die Reihenfolge wählen, in der Sie die Steuersignale geben. Welche Funktion auch immer die meiste Aufmerksamkeit benötigt, wird als erstes gesteuert, die andern kommen danach. Bei mir funktionierte das hervorragend. Nach einem Monat begann ich alle Steuerimpulse gleichzeitig zu geben, wie beim normalen Schweben. An diesem Punkt angelangt, gibt es nichts weiter zu sagen als üben, üben, üben.

Bitte versuchen Sie zu diesem Zeitpunkt nicht vom Nasenschweben ins normale und vom normalen Schweben ins Nasenschweben zu wechseln. Dies Technik werde ich in einer der folgenden Lektionen erklären.

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Copyright © 1999 Thomas Winkler.   Email an den Autor: winklt@muc.de