Auf schiefer Bahn in die Informationsgesellschaft?

- Eindrücke von der diesjährigen Jahrestagung des FIFF's -

Die Diskussion über Perspektiven und Gefahren der neuen Informationsnetze war Anlaß für über 120 FIFF-Mitglieder und andere an der Thematik interessierte, sich vom 17. bis 19. November 1995 in Mülheim/Ruhr zu versammeln. Da damit bereits schon die Kapazitätsgrenze erreicht war, mußten wegen Überfüllung leider einige Interessenten ausgeladen werden. Trotzdem brachte die Tagung den Meinungsbildungsprozeß einige wichtige Schritte weiter.

Der Einführungsvortrag von Prof. Herbert Kubicek plädierte dafür, anstelle über das Ob verstärkt das Wie einer offenen, aus dem dualen Mediensystem hervorgegangenen Informationsgesellschaft zu debattieren. Klar wurde bei diesem Beitrag, wie weit schon durch die Postreform und die Aktivitäten der Regierungen der G7 -Staaten der Weg in die Informationsgesellschaft vorgezeichnet ist und, wie wichtig ein Eingreifen zu diesem Zeitpunkt ist.

Der Sonnabend war den Arbeitsgruppen und der Mitgliederversammlung am Abend vorbehalten. Während die ersten beiden Arbeitsgruppen recht konkrete Themen bearbeiteten, wurde an den beiden weiteren Gruppen deutlich, daß hier der Diskussionsprozeß noch am Anfang ist.

Telearbeit

In der ersten Arbeitsgruppe zum Thema "Telearbeit" trafen die Positionen von DGB, von Betroffenen und eines Anbieters aufeinander. Es wurden die rechtlichen Rahmenbedingungen, verschiedene Aspekte der gewonnenen Flexibilität sowie Kriterien bei der Humanisierung der Arbeit erörtert. Festgestellt wurde, daß bei der Einführung der Telearbeit die versprochenen Änderungen der Organisationsformen oft nicht umgesetzt werden.

Verschlüsselung und demokratische Grundrechte

Die 2. Arbeitsgruppe beleuchtete das Thema Verschlüsselung und damit zusammenhängende drohende weitere Eingriffe in demokratische Grundrechte. Nachdem einige technische Aspekte vorgetragen wurden, stand die rechtliche Situation im Mittelpunkt der Debatte. Festgestellt wurde, daß die legalen staatlichen Überwachungsbefugnisse inflationär expandieren. Indizien dafür sind

Dem Staat wird zwar prinzipiell ein Recht auf Überwachung in besonderen Fällen eingeräumt, aber ein Vergleich mit der Rechtsgüterabwägung in anderen gesellschaftlichen Bereichen (z.B. Drogenberatung) zeigt, daß durchaus höherwertige Rechtsgüter bzw. Staatsziele (Resozialisierung statt Strafverfolgung) andere Ziele in den Hintergrund drängen können.

Die Durchsetzung des Rechts auf unbeobachtete Kommunikation wurde von der Mehrzahl der Teilnehmer als ein so immens wichtiges Rechtsgut angesehen, zumal sich sonst auch die Überwachung z.B. durch private Sicherheitsdienste oder kommerzielle Nutzungsprofile kaum verhindern ließe. Da ein Verschlüsselungsverbot nicht die gewünschte Zielgruppe (diese könnte Methoden der Steganografie verwenden) treffen würde, erscheint eine Durchsetzung eines solchen Verbotes fraglich.

Allerdings setzt das BSI darauf, daß die breite Masse sichere, nicht kontrollierbare Kryptografie-Methoden nicht verwenden wird, um bei dem geringen Rest gegebenenfalls gezielt andere Überwachungsmethoden einzusetzen. Auch wäre der gezielte Ausschluß von Formen der höheren Kommunikation eine geeignetere Methode (die meiner Meinung nach bereits angewandt wird) im Kampf gegen die sogenannte, immer wieder als Dämon an die Wand gemalte Organisierte Kriminalität.

Internet at Home

Die 3. Gruppe diskutierte unter dem Titel "Internet at Home" über konkrete regionale, aber unterschiedliche Projekte, Datennetze privaten Nutzern nahezubringen. Diskutiert wurde speziell über Inhalte, Konzepte, sowie die Rolle von Universität und Schwellenängste.

Während das Bremer Projekt sich stark am Vorbild der Digitalen Stadt in Amsterdam orientiert, ist im Duisburger Projekt derzeit kein Platz für aktive Bürgerbeteiligung. In Freiburg soll ein ganzes neues Wohnviertel vernetzt werden, was diesem Netz vorrangig junge und finanzstarke Nutzer verschaffen wird. Interessant auch die Verbindung eines städtischen Projektes in Regensburg mit einem gewachsenen politischen Mailboxnetzwerk und deren Inhalten.

In den teilweise diffusen Diskussionen wurde deutlich, daß die Positionen und Erwartungen doch sehr sehr vielschichtig sind und das Thema nicht konkret genug gewählt wurde.

Demokratische Forderungen

Die 4. Gruppe hatte sich zum Ziel gesetzt, demokratische Forderungen an die Informationsgesellschaft zu erarbeiten. Auch hier zeigte sich, daß der Diskussionsprozeß noch am Anfang steht.

Vor der Aufstellung von Forderungen waren Fragen zu klären, so etwa: was bringt uns die Informationsgesellschaft, ist sie von uns gewollt oder nur von der Industrie forciert, sollen wir uns einmischen und wenn, wie?

In dem einführenden Referat wurde eine für ein Hearing der Bremer Grünen erstellte, skeptische Analyse der Entwicklung vorgestellt. Es wurden 4 typische Reaktionsmuster auf die neue Informationsvielfalt aufgezeigt:

  1. Informationsgesellschaft als Befreiung von Bevormundung,
  2. Ängste vor der übermäßigen Informationsflut,
  3. Erwartung vorstrukturierter Informationen,
  4. Verweigerung von Informationsaufnahme.

Erwartet wird, daß Redaktionen zur Erleichterung der Orientierung und Auswahlmöglichkeiten in der großen Masse der Informationen entstehen. Ein Teil davon werden Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit von Vereinen, Parteien usw. sein. Der autonome, aktive, selbstgestaltete Bereich - so wie sich die Netze noch gegenwärtig noch so schön anarchistisch darstellen - wird wohl weiterhin ein Nischendasein fristen und vielleicht zur Speaker's Corner mutieren oder aber dadurch eingeschränkt, weil nur wer zahlt, Rederecht hat...

Als Folge der Informationsflut werden die einzelnen Informationen verflachen, in Bedeutungslosigkeit versinken, die Querreferenzen durch Zitieren zunehmen und Aktionismus die Auseinandersetzung ersetzen. Gemeinsame Medienerfahrungen nehmen ab, Verantwortungsbewußtsein geht durch virtuelle Erfahrungen verloren. Die Vielfalt der Kontakte verschafft eine nur scheinbare Enteinsamung. Und wieviel ist eine Selbstdarstellung ohne Rezipienten wert?

Die Individualisierung des Widerstandes könnte das jetzige Potential, welches aus dem Informationsaustausch von Gruppen im Netz und durch Netzerfahrungen entstandenen radikalen Forderungen nach direkter Demokratie herrührt, schnell abwickeln. Durch die Bildmedien erfolgt eine Symbolisierung der Politik, in der die Darstellung mehr zählt als der Inhalt. Vorangetrieben wird die Entwicklung vor allem von Industrie und Medienkonzernen. Und diese zeigen vor allem Interesse an den Internet surfern, während an anderen Gruppen kaum Interesse besteht. Dabei droht die ältere Generation und andere Gruppen, die die Technik nicht nutzen wollen oder können, ausgegrenzt zu werden.

Aus diesen Erwartungen wurden in der Studie folgende Forderungen abgeleitet:

Zu achten sei auf menschliche Kommunikationsmöglichkeiten, soziale Kompetenz und Stärkung des Selbstbewußtseins. Als Fazit stellt die Studie klar:

Die Informationsgesellschaft braucht mündige Bürger, die sie jedoch selbst nicht schafft.

In der Diskussion zum Thema bildeten sich zwei thematische Untergruppen heraus. Die erste setzte sich mit den Auswirkungen auf die Bildung auseinander, während die zweite Forderungen zu allgemeinen Grundrechten suchte.

Zum Bildungsthema wurde festgestellt, daß in der immens wichtigen Vorbereitung auf den Umgang mit den neuen Medien zu klären ist, wie sich mit Inhalten auseinandergesetzt werden kann und soll, wann mit dem Fragen aufzuhören ist. Die Grenzen der Medien müssen klar werden und die Angst davor genommen werden. Für Nutzer sind Kompetenz, Integration und Chancengleichheit als Rahmenbedingungen unverzichtbar. Es darf keine technikzentrierte Änderung der Informationsgesellschaft werden. Es soll mehr auf Tiefe, als auf Vielfalt geachtet werden. Wichtig sei mehr Bildung.

Als Mitwirkungsmöglichkeiten wurden in der zweiten Gruppe existierende gestalterische Foren in Staat und EU, wie TAB-Studie und Petersberger Kreis vorgestellt. Dabei stellten sich die Demokratiedefizite der Europäischen Union als besonders nachteilig für die Technikdiskussion heraus. Zwar ist auch auf staatlicher Ebene der weitere Weg noch nicht ganz klar, aber die Vorstellung dieser Aktivitäten brachte nur wenige Ansatzpunkte für eine Politik von unten. Hier sind grundlegende Ansätze erst noch zu entwickeln.

Als Fazit festzuhalten war das insgesamt sehr vielschichtige Spektrum an Forderungen. Bemerkenswert war jedoch vor allem der Willen fast der gesamten Gruppe, auch weiterhin dieses Thema zu bearbeiten.

Die Entpuppung des instrumentalen Mediums

Unter diesem Titel hielt Prof. Frieder Nake den Abschlußvortrag, in dem er den Weg des Computers von der Rechenmaschine zum medialen Instrument aufzeigte. Nake versuchte damit, den Widerstreit zwischen der Sichtweise eines Computers als Medium und eines Computers als Werkzeug in Beziehung zueinander zu setzen. Kern seiner Überlegungen waren die Begriffe Arbeit, Symbol und Interaktion, womit er die erkenntnisleitenden Interessen Habermas - Arbeit, Sprache und Herrschaft - für den Computer verallgemeinerte.

Wichtig erschienen mir seine Aussagen, so wie der Buchdruck die Kindheit schuf, indem die Schule das äußere Gedächtnis erschloß, ist der Computer ein Medium des Wissens geworden und das Wissen zur Ware. Der Computer soll als Mittler in offenen Lernsituationen dienen. Mit seinem Vortrag zeigte Nake Ansätze auf, um die Frage, ob der Computer Werkzeug oder Medium ist, in eine fruchtbare Richtung voranzutreiben.

.